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Ein Bett in Irlands guter Erde
Der Deutsche Soldatenfriedhof von Glencree (County Wicklow)

Wer mit dem Wagen quer durch die Wicklow Mountains zwischen Dublin und Glendalough unterwegs ist, der wird plötzlich mitten im Nichts einen merkwürdigen Wegweiser sehen - ein weisses Schild mit Kreuzen und der Beschriftung "Deutscher Soldatenfriedhof Glencree". Ein Irrtum? Nein - in Glencree haben tatsächlich über zehn Dutzend deutsche Opfer des Ersten und Zweiten Weltkriegs ihre letzte Ruhestätte gefunden. Durchaus passend neben dem "Glencree Centre for Peace and Reconciliation", in dem nach 1945 auch deutsche Kinder wieder aufgepäppelt wurden.

Wegweiser   Keltenkreuz   Gesamtansicht

Letzte Ruhe am Wildbach

In einer kleinen Schlucht, direkt neben einem Wildbach, findet man ein geradezu idyllisches Plätzchen - dieses wurde von der irischen Regierung der Bundesrepublik Deutschland zur zeitlich unbegrenzten Verfügung gestellt, um eine zentrale Kriegsgräberstätte einzurichten. Von 1959 bis 1961 wurde der Friedhof ausgebaut. Bis zu diesem Zeitpunkt lagen die Toten der Weltkriege nahezu überall in Irland verstreut beerdigt - an hundert Plätzen in fünfzehn Counties. Unter Obhut des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge wurde eine Anlage geschaffen, auf der die sterblichen Überreste von 134 Menschen liegen ... kurioserweise nicht nur Deutsche. Und mit einigen Besonderheiten, die vor allem historisch interessierte Menschen zum Nachdenken veranlassen.

Die Anlage selbst ist relativ schlicht, aber interessant gestaltet. Kommt man vom kleinen Parkplatz, findet man linker Hand ein kleines Friedhofsgebäude, über einige Stufen geht es dann hinauf zum eigentlichen Gräberfeld. Man steht in einer Art Kessel - rechts stürzt der Wildbach durch den Wald, links sieht man eine seitlich offene "Halle", hinter den Gräbern gehen Steilwände gen Himmel. Und gegen den Himmel zeichnet sich scharf ein riesiges Keltenkreuz aus Stein ab. Im Vergleich dazu sind die Gräber schlicht - jeweils zwei Tote werden mit einem flachen Stein in Erinnerung gerufen, vereinzelte stehende Kreuze und niedriger Bewuchs sorgen für einen würdigen Rahmen. In der "Halle" (die die Grösse einer Bushaltestelle hat) findet man ein Mosaik und folgende Inschrift:

+ Nehmet
die Söhne
immer
ans Herz +
Trauernde
Mütter

+ Wisset
und glaubet
es sicher:
Liebe
zwingt alle Grenzen

+ Deutet
auch Sehnsucht
und Auftrag
der Toten
auf dieser
Stätte:

+ Wachet,
dass über
der Welt
das Sternbild
des Friedens
heraufzieht +

Ein massiver Gedenkstein zwischen der "Halle" und dem Bach ist mit Inschriften in Deutsch, Englisch und Irisch versehen:

Mein Los war der Tod
unter irischem Himmel
und ein Bett in Irlands
guter Erde + Was ich ge-
träumt geplant, band
mich ans Vaterland +
Aber mich wies der Krieg
zum Schlaf in Glencree
+ Leid war und Schmerz
was ich verlor und gewann
+ Wenn Du vorübergehst,
sprich ein Gebet, daß
Verlust sich in Segen
verwandle.

Stele   Gräber   Mosaik

134 Gräber

Sind diese beiden Inschriften noch gut lesbar, so ist dies bei den rund siebzig flachen Grabsteinen nicht immer der Fall, der Zahn der Zeit (und die typographische Gestaltung) macht die Lektüre nicht einfach. Was jedoch auffällt ist die relativ hohe Zahl von "Unbekannten". Hierzu Fritz Kirchmeier
vom Volksbund: "Zu der Herkunft der Toten ist zu sagen, dass es sich um abgestürzte
deutsche Flieger, an den Küsten Irlands angetriebene Tote der deutschen
Marine und um deutsche Internierte handelt, die in Irland während des
Krieges verstarben oder auch angeschwemmt wurden, darunter auch Opfer der im Juli 1940 versenkten SS Arandora Star mit von den Engländern internierten
deutschen und italienischen Zivilisten.Hieraus erklärt sich auch, weshalb so viele Tote unbekannt blieben - von den 134 Toten konnten nur 59 identifiziert werden. Bei den an Land gespülten Leichen fehlte es an notwendigen Papieren,
Erkennungsmarken und Identifizierungsmerkmalen.
" Eine vollständige Liste der Grabstätten finden Sie auf einer gesonderten Seite.

Natürlich bringt dies wieder Probleme mit sich - zu 100% wird man niemals sagen können, dass diese Opfer wirklich Deutsche waren. Auch ist nicht jeder Tote Soldat gewesen. Und von mindestens einem Toten weiss man, dass er kein deutscher Soldat war - in der hintersten Ecke ds Friedhofs liegt "Ein belgischer Kriegstoter" begraben. Ein eher ungewöhnliches Ereignis, waren Belgien und das Deutsche Reich doch nicht alliiert ... auf Rückfrage erklärte
Fritz Kirchmeier : "Dieser Tote wurde am 17.01.1941 bei Bartragh Island (Killala) angeschwemmt und stammt möglicherweise vom Schiff Ville de Grande. Die Exhumierung erfolgte am 24.04.1960 auf dem katholischen Friedhof von Crosspatrick/Killala. Laut Informationen aus dem Erstbestattungsort soll es sich um einen belgischen Zivilisten handeln ... da dies wohl nicht eindeutig zu klären war, wurde er ebenfalls nach Glencree überführt."

Die anderen Toten sind auf unterschiedlichste Art nach Irland gekommen - als Kriegsgefangene interniert, mit dem Bomber an der felsigen Küste West-Corks zerschellt, von den Wellen an den Strand getrieben. Viele ohne Erkennungsmarken, ohne Papiere, ohne jede Möglichkeit zur Identifizierung. Aber auch nicht jeder während der Kriege in Irland verstorbene Deutsche liegt in Glencree - prominentestes Beispiel ist Fritz Brase, Leiter der irischen Militärmusik ... und gleichzeitig Nationalsozialist. Er spielte im September 1939 noch für die abreisenden Landsleute in Dun Laoghaire "Muss i denn zum Städtele hinaus ..."

Der einsame Grabstein

Ganz in der hintersten Ecke des Deutschen  Soldatenfriedhofs findet man jedoch auch noch das befremdlichste Kuriosum des Friedhofs von Glencree - trotz der strengen Friedhofsordnung, die eigene Steine verbietet, steht hier eine einsame Steinsäule. Sie zeigt ein Schwert, umschlungen von Stacheldraht, und zwei Daten: geb. 15.11.1890,  gest. 23.5.1947.

Dem aufmerksamen Besucher wird vielleicht auffallen, dass dies dieselben Daten sind, die auf dem Standard-Grabstein nahebei stehen - Geburts- und Todestag des "Major" Dr. Hermann Görtz. Und damit hat man sich an eine skurrile, zum Teil heute noch nicht geklärte Episode der Deutsch-Irischen Geschichte herangetastet ... Dr. Hermann Görtz war der vielleicht erfolgreichste deutsche Spion, der im Zweiten Weltkrieg in Irland landete. Erfolgreich nicht in seiner Aktivität im Dienst der Abwehr, sondern in seiner langen Vermeidung der Inhaftierung.

"Major" Dr. Hermann Görtz

Seine Geschichte liest sich wie eine Räuberpistole: Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg in England als Spion aufgeflogen (und später ausgewiesen), wurde der etwas betagte Görtz samt seiner Orden vom Kampfgeschwader 200 nach Irland eingeflogen. Seinen Auftrag, in Nordirland zu spionieren, erfüllte er jedoch nie - stattdessen versteckte er sich monatelang in republikanischen Kreisen in Dublin, sammelte eine Art "Fangemeinde" um sich und baute so anscheinend nach und nach eine eigene Scheinwelt auf. Vom Nationalsozialismus und der eigenen Wichtigkeit für den Verlauf des Krieges überzeugt, hielt Görtz dem Reich auch in Haft noch die Stange. Und war gleichzeitig von derbfixen Idee besessen, dass ihm alle Kriegsgegner persönlich ans Leder wollten. Als ihm 1947 die Auslieferung drohte, beendete Görtz daher sein Leben durch Gift - der einzige deutsche Irlandspion, der diesen letzten Ausweg nahm (und wahrscheinlich auch der Einzige, der auf eine Giftkapsel bestanden hatte). Während seiner Haft hatte der Hauptmann an einer bildhauerischen Arbeit zum Thema "Kriegsgefangenschaft" gewerkelt, diese wurde dann auf dem Friedhof Dean's Grange als Grabstein verwendet und steht heute in Glencree (Görtz wurde später umgebettet, wie genau sein Grabstein nach Glencree kam, scheint auch beim Volksbund nicht bekannt zu sein).

Übrigens wurde "Major" Dr. Hermann Görtz in einer skurrilen, quasi-militärischen Zeremonie beigesetzt - mehr als zwei Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht trug die Leiche einen (geliehenen) Uniformmantel der Luftwaffe ... und der Sarg war mit einer Hakenkreuzfahne geschmückt. "Alte Kameraden" und irische Freunde sorgten für diese geschmacklose Inszenierung.

Für die Grabinschrift in Glencree allerdings sorgte der irische Geheimdienst - wird Görtz beim Volksbund noch korrekt als Hauptmann geführt, weist ihn der Grabstein 133 als "Major" aus. Über viele Monate hatte Görtz aus der Haft Kontakt zur Abwehr halten können - mit Hilfe geschmuggelter Kassiber, die ein irischer Wärter weitergab. Für diese unverbrüchliche Treue zum Reich wurde der gute Doktor dann auch brieflich zum Major befördert. Was er bis zu seinem Tod nicht wusste: Seine Korrespondenz war nicht mit Berlin, sondern mit dem irischen Geheimdienst - der Görtz so nach und nach (fast) alle Geheimnisse entlockte. Und ihn auch zum Luftwaffenmajor "ernannte". Immerhin ist dieser Titel jetzt in Stein gemeisselt der Nachwelt erhalten - eine angemessene Erinnerung an eine bizarre Fussnote der Geschichte.

Belgier   Grabstein Görtz   Wildbach

Ort des Friedens

Wer heute Glencree besucht, der sollte einfach den Eindruck des Ortes geniessen, sich einige Gedanken über die Sinnlosigkeit des Krieges machen und vielleicht auch still der Toten gedenken. Tote, die wie Görtz vielleicht überzeugte Nationalsozialisten waren ... oder aber auch unschuldige Opfer der Mühlen des Schicksals. Bei vielen wissen wir es nicht, wissen nicht einmal ihre Namen. Weswegen dieser Ort auch kein Ort zum "Richten" ist, sondern zur Besinnung. Und zum "Frieden" finden. Was, der Natur sei Dank, auch ohne viel historisches Interesse gelingen kann!

Offizielle Gedenkfeiern finden jeweils zum Volkstrauertag auf dem Friedhof statt - an den meisten anderen Tagen ist er sehr verlassen. Und durchaus einen Abstecher auf der Wicklow-Tour wert.

An dieser Stelle gilt mein Dank dem Volksbund - vor allem Frau Beate Kalbhenn und Herrn Fritz Kirchmeier, die mit einigen Detailauskünften weiterhalfen!


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